Wenn du eine Broschüre, ein Magazin oder einen Bericht durchblätterst, merkst du meist schnell, ob die Publikation dich führt oder ob du dir den Weg selbst suchen musst. Das liegt selten an einer einzelnen Seite. Entscheidend ist, wie Inhalt, Seitenfolge und Layoutsystem zusammenspielen. Genau das ist die Aufgabe von Editorial Design: Inhalte so zu ordnen, dass Leserinnen und Leser erkennen, was wichtig ist, wo sie gerade sind und wie es weitergeht.
In diesem Beitrag erklären wir dir die drei Ebenen, auf denen diese Entscheidungen fallen, und zeigen eine Entscheidungsmatrix für typische Publikationen mit einem durchgearbeiteten Beispiel.
Kurz gesagt: Gutes Editorial Design entsteht nicht Seite für Seite, sondern als System. Die inhaltliche Hierarchie legt fest, was wichtig ist. Die Dramaturgie verteilt die Inhalte über die Seitenfolge und sorgt für Wechsel zwischen dichten und ruhigen Passagen. Raster, Satzspiegel, Musterseiten und Formate setzen beides einheitlich um. Sind diese drei Ebenen aufeinander abgestimmt, finden sich Leser zurecht, auch wenn jede Doppelseite anders aussieht.
Was Editorial Design umfasst und was nicht
Editorial Design bezeichnet die Gestaltung von Publikationen, die gelesen werden: Broschüren, Kataloge, Magazine, Berichte und Handbücher. Anders als bei einer Anzeige oder einem Plakat geht es um viele Seiten, die als Folge funktionieren müssen. Diese Begriffe brauchst du dafür:
- Gestaltungsraster: ein unsichtbares System aus Spalten, Abständen und Grundlinien, an dem sich Texte, Bilder und Grafiken ausrichten.
- Satzspiegel: die Fläche einer Seite, auf der die Inhalte stehen. Die Ränder darum heißen Stege.
- Doppelseite: die linke und die rechte Seite, die beim Aufschlagen gemeinsam zu sehen sind. In gedruckten Publikationen ist sie die eigentliche Gestaltungseinheit.
- Hierarchie: die sichtbare Rangfolge der Inhalte, von der Hauptaussage über Zwischentitel bis zur Bildunterschrift.
- Dramaturgie: der geplante Ablauf über alle Seiten, mit Einstieg, Höhepunkten, ruhigen und dichten Passagen.
- Weißraum: die freien Flächen zwischen und um Inhalte. Er gliedert, trennt und gibt Gewicht.
Zwei Nachbarthemen grenzen wir bewusst ab. Wie Schriftwahl, Schriftgröße, Zeilenlänge und Zeilenabstand die Lesbarkeit beeinflussen, behandeln wir im Schwerpunkt Typografie und Lesbarkeit. Logo, Hausfarben und Hausschriften gehören zum Markensystem deines Unternehmens. Editorial Design arbeitet mit diesen Vorgaben, legt sie aber nicht fest.

Drei Ebenen: Inhalt, Seitenfolge und Layoutsystem
Viele Probleme, die im Layout auffallen, haben ihre Ursache eine Ebene höher. Eine überladene Seite ist oft kein Gestaltungsfehler, sondern eine fehlende inhaltliche Entscheidung.
Inhalt und Hierarchie
Am Anfang steht die Frage, was auf einer Doppelseite die Hauptsache ist. Gibt es darauf keine eindeutige Antwort, konkurrieren Überschrift, Bild, Zitat und Infokasten um Aufmerksamkeit. Hilfreich ist eine einfache Rangfolge für jede Doppelseite: eine Hauptaussage, zwei bis drei unterstützende Elemente, der Rest als Detail. Diese Rangfolge sollte aus Briefing und Seitenplan kommen und nicht erst im Layout entstehen. Wie du einen Seitenplan erstellst, zeigen wir in einem eigenen Beitrag.
Seitenfolge und Dramaturgie
Ist jede Doppelseite gleich dicht, ermüdet das. Sieht jede Seite anders aus, fehlt die Orientierung. Eine gute Dramaturgie plant deshalb Wiederholung und Wechsel: wiederkehrende Seitentypen für die Orientierung, bewusst gesetzte Kapitelaufmacher, ganzseitige Bilder oder ruhige Zitatseiten als Pausen. Auch die Position zählt. Die erste Doppelseite nach dem Umschlag entscheidet, ob jemand weiterblättert. Kapitelanfänge stehen häufig auf rechten Seiten, weil diese beim Blättern zuerst ins Auge fallen.
Layoutsystem: Raster, Satzspiegel und Formate
Das Layoutsystem übersetzt Hierarchie und Dramaturgie in feste Regeln. Raster und Satzspiegel bestimmen, wo Inhalte stehen. Musterseiten, in neueren InDesign-Versionen übergeordnete Seiten genannt, halten Seitenzahlen, Kolumnentitel und Hilfslinien für alle Seiten eines Typs fest. Änderungen an einer Musterseite wirken auf alle Seiten, die auf ihr beruhen. Absatz- und Zeichenformate legen fest, wie Überschriften, Fließtext und Bildunterschriften aussehen. Ändert sich ein Format, ändern sich alle damit formatierten Textstellen. So bleibt eine Publikation über viele Seiten und Ausgaben einheitlich.

Leserführung auf der Doppelseite
Auf der einzelnen Doppelseite zeigt sich, ob das System trägt. Leser lesen nicht sofort Zeile für Zeile, sondern springen zuerst zu den auffälligsten Elementen: großes Bild, Überschrift, hervorgehobene Zahl. Leserführung bedeutet, diese Einstiegspunkte bewusst zu setzen und in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Dafür gibt es drei Werkzeuge, die wir in den Vertiefungen ausführlich erklären:
- Raster und Satzspiegel schaffen gemeinsame Kanten. Elemente, die an derselben Linie stehen, werden als zusammengehörig gelesen.
- Weißraum gruppiert und trennt. Was nah beieinander steht, gehört zusammen. Ein größerer Abstand markiert einen neuen Abschnitt.
- Ausrichtung entscheidet, ob eine Seite ruhig oder unruhig wirkt. Manche Elemente müssen dafür optisch statt rechnerisch platziert werden.
Für ein barrierefreies PDF muss die Lesereihenfolge zusätzlich technisch im Dokument festgelegt sein. Mehr dazu im Beitrag über barrierefreie Broschüren.
Entscheidungsmatrix: Welches System passt zu welcher Publikation?
Die Matrix ersetzt kein Konzept, hilft dir aber, deine Anforderungen im Briefing treffender zu beschreiben.
| Publikation | Typische Lesesituation | Raster | Dramaturgie | Worauf achten |
|---|---|---|---|---|
| Imagebroschüre | Durchblättern, dann gezielt lesen | Wenige Spalten, viel Spielraum für große Bilder | Deutlicher Auftakt, Bildseiten im Wechsel mit Textseiten | Jede Doppelseite braucht eine erkennbare Hauptaussage. |
| Produktkatalog | Nachschlagen und vergleichen | Feines Modulraster für Produkte, Daten und Tabellen | Gleichbleibende Seitentypen, klare Kapitelmarken | Gleiche Angaben stehen immer an derselben Stelle. |
| Kundenmagazin | Freiwilliges Lesen in Ruhe | Flexibles Raster mit vielen Teilungen | Rubriken als Rhythmus, längere Geschichten als Höhepunkte | Abwechslung innerhalb eines erkennbaren Rahmens. |
| Jahres- oder Wirkungsbericht | Prüfen, vergleichen, zitieren | Raster für Fließtext, Tabellen und Diagramme | Kapitelfolge nach Berichtslogik, Kennzahlen als Einstieg | Diagramme und Tabellen einheitlich aufbauen. |
| Handbuch oder Schulungsunterlage | Nachschlagen während der Arbeit | Stabiles Raster mit Marginalspalte für Hinweise | Gleicher Aufbau in jedem Kapitel | Orientierung über Register, Kolumnentitel und Nummerierung. |
Zur Einordnung: Je mehr eine Publikation zum Nachschlagen dient, desto wichtiger werden feste Seitentypen und ein feines Raster. Je mehr sie erzählen soll, desto mehr Raum braucht die Dramaturgie für Wechsel und Pausen. Verbindet eine Publikation beides, etwa ein Katalog mit erzählendem Imageteil, bekommt jeder Teil eigene Musterseiten auf demselben Grundraster. Mehr zur Orientierung in Nachschlagewerken liest du im Beitrag zur Katalognavigation.

Beispiel: Vom Seitenplan zum Layoutsystem
Das Beispiel ist frei erfunden und dient nur der Veranschaulichung.
Ein Hersteller von Lüftungstechnik plant eine klammergeheftete Unternehmensbroschüre mit 24 Seiten im Format A4 für Vertrieb und Messen. Der Seitenplan steht: Umschlag, Einstieg mit der Haltung des Unternehmens, vier Kapitel zu Leistungsbereichen, eine Doppelseite mit Kennzahlen, zwei Anwenderporträts, Kontakt. So entsteht daraus ein Layoutsystem:
- Hierarchie klären: Für jede Doppelseite wird eine Hauptaussage festgehalten. Bei den Leistungsbereichen ist das jeweils ein Kundennutzen in einem Satz, nicht die Liste aller Produkte.
- Seitentypen ableiten: Aus dem Seitenplan ergeben sich fünf Typen: Kapitelaufmacher mit großem Bild, Inhaltsdoppelseite, Kennzahlenseite, Porträtseite und Kontaktseite.
- Dramaturgie festlegen: Die Kapitel folgen dem Rhythmus Aufmacher, dann Inhaltsdoppelseite. Die Kennzahlen kommen auf die Mitteldoppelseite. Bei Klammerheftung ist das der einzige Bogen, auf dem ein Motiv ohne Unterbrechung über den Bund laufen kann. Nach der dichtesten Seite folgt ein ruhiges Porträt.
- Raster und Satzspiegel bauen: Ein Raster mit zwölf Spalten erlaubt zwei-, drei- und vierspaltige Aufteilungen auf demselben System. Das Grundlinienraster richtet sich nach dem Zeilenabstand des Fließtextes.
- Musterseiten und Formate anlegen: Jeder Seitentyp bekommt eine Musterseite, jede Textart ein Absatzformat.
- Mit echten Inhalten testen: Zwei Musterdoppelseiten werden mit den längsten vorhandenen Texten und echten Bildern gesetzt, bevor die übrigen Seiten folgen.
Beim Test zeigt sich, dass ein Leistungsbereich deutlich mehr Text hat als die anderen. Statt die Schrift zu verkleinern, bekommt dieses Kapitel eine zusätzliche Inhaltsseite. Damit es bei 24 Seiten bleibt, wandern die Kontaktdaten auf die Umschlagrückseite. Die Entscheidung fällt im Seitenplan, nicht im Layout.
Material, Zuständigkeiten und Ablauf
Ein Layoutsystem ist nur so gut wie die Informationen, auf denen es aufbaut. Diese Punkte sollten vor der Gestaltung geklärt sein:
| Was | Wer liefert oder entscheidet | Warum es wichtig ist |
|---|---|---|
| Ziel, Zielgruppe und Lesesituation | Du als Auftraggeber | Bestimmt, ob die Publikation eher erzählt oder zum Nachschlagen dient. |
| Seitenplan mit Hauptaussage je Doppelseite | Gemeinsam, auf Grundlage deiner Inhalte | Grundlage für Dramaturgie und Seitentypen. |
| Realistische Textmengen und echtes Bildmaterial | Du oder deine Fachabteilungen | Nur damit lassen sich Raster und Weißraum belastbar testen. |
| Vorgaben des Corporate Designs | Du oder deine Markenverantwortlichen | Schriften, Farben und Logo sind feste Bausteine im System. |
| Freigabe der Musterdoppelseiten | Eine festgelegte Person auf deiner Seite | Spätere Änderungen am System betreffen alle Seiten. |
Wir beraten dich bei Konzeption und Briefing und übernehmen Gestaltung, Satz und Projektmanagement. Auf Wunsch organisieren wir auch den Druck über unsere Druckpartner. Die inhaltlichen Entscheidungen bleiben bei dir. Raster, Musterseiten und Formate entwickeln wir. Bewährt hat sich ein Ablauf in zwei Stufen: zuerst zwei bis drei Musterdoppelseiten mit echten Inhalten abstimmen, dann die übrigen Seiten setzen.
Die Vertiefungen zu diesem Thema
- Raster und Satzspiegel entwickeln: Ordnung für unterschiedliche Seitentypen: Inhaltstypen analysieren, Spalten und Grundlinien abstimmen und Ausnahmen systematisch gestalten.
- Weißraum einsetzen: Informationsdichte und Leseführung ausbalancieren: Abstände hierarchisch ordnen, Text- und Bildgewicht vergleichen und Seiten mit echten Inhalten testen.
- Optische und mathematische Mitte: Elemente im Layout ausrichten: geometrische und wahrgenommene Position unterscheiden und typische Korrekturen anwenden.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Editorial Design und Corporate Design?
Corporate Design legt das Erscheinungsbild eines Unternehmens fest: Logo, Farben, Schriften und grundlegende Gestaltungsregeln. Editorial Design wendet diese Vorgaben auf eine konkrete Publikation an und ergänzt, was das Corporate Design meist offenlässt: Raster, Seitentypen, Seitenfolge und die Hierarchie der Inhalte.
Braucht auch eine kurze Broschüre ein Gestaltungsraster?
Ja. Schon bei acht Seiten sorgt ein einfaches Raster dafür, dass Textkanten, Bilder und Seitenzahlen auf allen Seiten übereinstimmen. Je kürzer die Publikation, desto einfacher darf das Raster sein. Ein zwei- oder dreispaltiges System genügt oft.
Kann ein Layoutsystem für weitere Ausgaben genutzt werden?
Ja. Musterseiten, Absatzformate und Seitentypen lassen sich für die nächste Ausgabe eines Magazins oder Berichts weiterverwenden. Wann sich eine grundlegende Überarbeitung lohnt, erklären wir im Beitrag Publikation überarbeiten.
Wann sollte das Layoutsystem feststehen?
Nach dem Seitenplan und vor dem Satz aller Seiten. Wenn Raster und Musterseiten erst während des Satzes geändert werden, müssen bereits gesetzte Seiten neu angepasst werden. Kleine Korrekturen sind normal, das Grundgerüst sollte aber mit der Freigabe der Musterdoppelseiten stehen.
Dein nächster Schritt
Nimm dir deinen Seitenplan vor und notiere für jede Doppelseite die Hauptaussage. Prüfe dann mit der Entscheidungsmatrix, ob deine Publikation eher erzählt oder zum Nachschlagen dient. Wie du die Planung insgesamt aufsetzt, liest du im Schwerpunkt Publikation planen. Wenn du dein Projekt mit uns umsetzen möchtest, beschreib uns dein Vorhaben über die Projektanfrage.
Quellen
- Adobe: InDesign Benutzerhandbuch, Absatz- und Zeichenformate. Abgerufen am 03.11.2026.
- Adobe: InDesign Benutzerhandbuch, Übergeordnete Seiten (Musterseiten). Abgerufen am 03.11.2026.
Beitragsbild und Bilder im Text: KI-generiert. Erklärgrafiken: eigene Darstellung.