Dieser Beitrag gehört zum Themenschwerpunkt Unternehmenschroniken und Festschriften inhaltlich planen.
Dokumente zeigen, was beschlossen wurde. Zeitzeugen erzählen, wie es sich angefühlt hat: der Umzug in die neue Halle, die Nacht vor der ersten großen Lieferung, die Vereinsfeier, über die noch Jahrzehnte später gesprochen wird. Für eine Unternehmens- oder Vereinschronik sind solche Gespräche oft die lebendigste Quelle. Sie sind aber auch die unzuverlässigste, wenn es um Jahreszahlen und Namen geht.
Kurz gesagt: Ein gutes Zeitzeugeninterview beginnt mit Vorbereitung: Themen und Ereignisse festlegen, Fotos und eine Zeitleiste mitbringen, Einverständnis zur Aufnahme vorher klären. Im Text trennst du dann Erinnerungen von belegten Daten. Zitate gehen erst nach schriftlicher Freigabe durch die befragte Person ins Buch.

Schritt 1: Themen und Ereignisse vorbereiten
Überlege zuerst, welche Lücken die Gespräche füllen sollen. Gleiche dazu die Gliederung der Chronik mit dem gesichteten Archivmaterial ab. Wo Dokumente fehlen oder nur Zahlen liefern, sind Zeitzeugen besonders wertvoll. Wähle Gesprächspartner so aus, dass verschiedene Perspektiven vorkommen: Geschäftsführung und Belegschaft, Vorstand und einfache Mitglieder, frühe und spätere Jahrgänge.
Ein kurzes Vorgespräch klärt, worüber die Person erzählen kann, ob sie Fotos oder Dokumente besitzt und wie viel Zeit sie hat. Bring zum eigentlichen Interview eine einfache Zeitleiste und ausgewählte Fotos mit. Sie helfen, Erinnerungen zeitlich einzuordnen und anzuregen.
Dieser Gesprächsleitfaden hat sich als Grundgerüst bewährt:
| Phase | Ziel | Beispielfragen |
|---|---|---|
| Einstieg | Vertrauen aufbauen, Rahmen klären | Wann und wie sind Sie zum Unternehmen oder Verein gekommen? Welche Aufgabe hatten Sie damals? |
| Offene Erzählung | die Person frei erzählen lassen | Wie sah ein ganz normaler Arbeitstag oder Vereinsabend aus? Woran denken Sie zuerst, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken? |
| Gezielte Ereignisse | bekannte Meilensteine aus Sicht der Person | Wie haben Sie den Umzug an den neuen Standort erlebt? Was hat sich danach für Sie verändert? |
| Fotos und Dokumente | Material einordnen | Wen erkennen Sie auf diesem Bild? Wann könnte es entstanden sein? |
| Abschluss | offene Punkte und Kontakte | Was haben wir vergessen zu fragen? Mit wem sollten wir noch sprechen? |
Die Beispielfragen sind in der Sie-Form formuliert. Passe die Anrede an das an, was zwischen dir und der befragten Person üblich ist. Plane etwa eine bis zwei Stunden pro Gespräch und lieber einen zweiten Termin als ein ermüdendes langes Interview.
Aufnahme und Einverständnis
Ein Mitschnitt erleichtert Transkript und Zitatprüfung erheblich. Das nichtöffentlich gesprochene Wort eines anderen unbefugt aufzunehmen, ist nach dem Strafgesetzbuch strafbar. Kläre deshalb vor dem Einschalten des Aufnahmegeräts, ob die Person einverstanden ist, und halte das Einverständnis schriftlich fest. Notiere dabei auch, wofür die Aufnahme genutzt wird, wer Zugriff hat und wann sie gelöscht wird.
Sollen Porträtfotos der Zeitzeugen ins Buch, gilt das Recht am eigenen Bild: Bildnisse dürfen grundsätzlich nur mit Einwilligung der abgebildeten Person verbreitet werden. Diese Hinweise ersetzen keine Rechtsberatung. Bei Unsicherheiten, etwa zur Speicherung personenbezogener Angaben, solltest du die Vorgehensweise im Zweifel rechtlich prüfen lassen.
Schritt 2: Erinnerung von belegten Daten unterscheiden
Erinnerungen verschieben sich. Ereignisse rücken zeitlich zusammen, Namen werden verwechselt, die eigene Rolle wird größer oder kleiner. Das ist normal und kein Vorwurf an die Befragten. Für den Text heißt das: Jede überprüfbare Angabe wird mit Dokumenten abgeglichen, bevor sie als Tatsache erscheint.
| Art der Aussage | Beispiel | Umgang im Text |
|---|---|---|
| Überprüfbares Datum oder Ereignis | „1974 kam die erste CNC-Maschine.“ | mit Archivmaterial abgleichen, nur belegt als Tatsache schreiben |
| Persönliches Erleben | „Wir waren alle stolz, als die Maschine lief.“ | als Zitat oder mit „erinnert sich“ kennzeichnen |
| Einschätzung oder Bewertung | „Ohne den Umzug gäbe es uns heute nicht.“ | als Meinung der Person wiedergeben, nicht als Fazit des Buchs |
| Aussage über Dritte | „Der damalige Chef war oft unberechenbar.“ | besonders vorsichtig prüfen, im Zweifel weglassen |
| Widerspruch zu Dokumenten | Erinnerung nennt 1974, Rechnung zeigt 1976 | Dokument folgen, Abweichung intern notieren |
Führe eine einfache Abgleichliste mit Aussage, Quelle der Bestätigung und Ergebnis. Sie verbindet die Interviews mit der Inventarliste aus dem Beitrag Archivmaterial für eine Chronik sichten.

Schritt 3: Zitatfreigaben sichern
Aus einem einstündigen Gespräch werden im Buch oft nur wenige Sätze. Diese Sätze werden sprachlich geglättet, gekürzt und in einen neuen Zusammenhang gestellt. Deshalb sollte die befragte Person sehen, was von ihr veröffentlicht wird:
- Transkript oder Gesprächsnotiz erstellen und intern ablegen.
- Zitate auswählen und behutsam bearbeiten, ohne die Aussage zu verändern.
- Zitate im Zusammenhang des geplanten Textabschnitts zur Freigabe schicken, mit klarer Frist.
- Freigabe oder Änderungswünsche schriftlich festhalten, etwa per E-Mail.
- Den Freigabestatus in einer Liste führen: Person, Zitat, Datum der Freigabe.
Wie du Interviews generell in lesbare Texte überführst, zeigt auch der Beitrag Kundeninterviews und Anwendergeschichten aufbereiten.
Durchgearbeitetes Beispiel
Das Beispiel ist frei erfunden und dient nur der Veranschaulichung.
Ein Handwerksbetrieb für Elektrotechnik wird 50 Jahre alt. Für die Festschrift sollen drei Menschen zu Wort kommen: der Sohn des Gründers, ein Meister im Ruhestand und die dienstälteste Bürokraft.
- Vorbereitung: Die Projektleiterin legt eine Zeitleiste mit zwölf belegten Meilensteinen an und sucht pro Gespräch zehn Fotos heraus. Im Vorgespräch erwähnt der Meister eine Mappe mit Baustellenfotos, die er mitbringt.
- Aufnahme: Alle drei stimmen der Tonaufnahme schriftlich zu. Die Aufnahmen werden nach der Freigabe der Zitate gelöscht.
- Abgleich: Der Meister erinnert sich, der Betrieb sei 1985 in die neue Werkstatt gezogen. Der Mietvertrag im Archiv nennt 1987. Im Text steht 1987, die Erinnerung an den Umzugstag erscheint als Zitat ohne Jahreszahl.
- Freigabe: Jede Person erhält ihre Zitate mit dem jeweiligen Absatz. Eine Passage über einen früheren Kunden wird auf Wunsch gestrichen.
Häufige Fragen
Wer sollte die Interviews führen?
Am besten jemand, der zuhören kann und nicht selbst Teil der erzählten Geschichte ist. Externe Redakteurinnen, Historiker oder eine geschulte Person aus einer anderen Abteilung erhalten oft offenere Antworten als die Geschäftsführung. Wichtig ist, dass dieselbe Person auch Abgleich und Freigaben betreut.
Reicht eine Mitschrift statt einer Aufnahme?
Für kurze Gespräche ja. Bei längeren Interviews gehen in der Mitschrift viele Details und Formulierungen verloren. Wenn du aufnimmst, kläre das Einverständnis vor Beginn und halte es schriftlich fest.
Was tun, wenn sich zwei Zeitzeugen widersprechen?
Prüfe zuerst, ob Dokumente die Frage klären. Wenn nicht, kann das Buch beide Sichtweisen als Erinnerungen nebeneinanderstellen. Ein Widerspruch wird erst dann zum Problem, wenn eine der Versionen ungeprüft als Tatsache erscheint.
Dürfen wir Zitate sprachlich glätten?
Ja, gesprochene Sprache wird für den Druck fast immer bearbeitet. Füllwörter und Wiederholungen dürfen weg, der Sinn muss erhalten bleiben. Genau deshalb gehört die bearbeitete Fassung zur Freigabe an die befragte Person.
Dein nächster Schritt
Liste die Lücken deiner Chronik auf und ordne jeder Lücke mögliche Gesprächspartner zu. Danach baust du den Leitfaden aus diesem Beitrag für jedes Gespräch aus. Wie Interviews, Archivarbeit und Gliederung zusammenhängen, erklärt der Themenschwerpunkt Unternehmenschroniken und Festschriften inhaltlich planen. Für Gestaltung, Satz und Projektmanagement deines Buchs erreichst du uns über die Projektanfrage.
Quellen
- Bundesministerium der Justiz: § 201 Strafgesetzbuch, Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes. Abgerufen am 02.11.2026.
- Bundesministerium der Justiz: § 22 Kunsturhebergesetz, Recht am eigenen Bild. Abgerufen am 02.11.2026.
Beitragsbild und Bilder im Text: KI-generiert.